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Geschichte

Ein Blick in die Geschichte des Kirchweilers Bürglen – unter dem Stichwort «Zusammenwirken von Staat und Kirche»


Im Jahr 368 nach Christus (es folgen noch ein paar Jahrzahlen, die konnte ich einfach nicht vermeiden), im Jahr 368 haben die Römer freundlicherweise das Fundament unserer Kirche gebaut. Etwas genauer gesagt: sie haben eine Festung gebaut, um den Übergang über die Zihl zu sichern. Auf den Grundmauern des Bollwerkes wurde später die Kirche gebaut. Eine indirekte Form von Zusammenarbeit. Die Ausmasse des römischen Bauwerks ahnen wir, wenn wir die Tafel zur Archäologie und die angedeuteten Ausmasse der Festung neben der Kirche betrachten.

In den Jahren nach 380 – also fast gleichzeitig mit dem Bau der Festigung an der Zihl – hat der Kaiser von Rom eine wichtige Weiche für die Entwicklung des Christentums gestellt: Er hat das Christentum zur römischen Staatsreligion gemacht und das Heidentum verboten. Die römisch-katholische Kirche wurde zur Staatskirche im römischen Reich. Eine nachhaltige Unterstützung für das Christentum.

Die römisch-katholische Kirche hat den Untergang des Kaisers überlebt und war bereit und in der Lage, dem nächsten europäischen Kaiser – Karl dem Grossen – beim Aufbau seines Frankenreiches zu helfen. Das Frankenreich erstreckte sich quer durch Europa von den Pyrenäen im Südwesten bis zur polnischen Westgrenze im Osten. Damit sind wir am Vorabend des Jahres 817: Als Karl der Grosse 814 starb, übernahm sein Sohn Ludwig die Herrschaft im Frankenreich. Bürglen, der Kirchweiler am Fusse des Jensberges, gehörte zu seinem Reich.

Die Herrscher des Frankenreiches haben der Kirche für die Hilfe beim Aufbau ihres Reiches mit Geschenken gedankt. Ludwig schenkte Bürglen die Fischrechte der Zihl. Das Geschenk ist in einer Urkunde aus dem Jahr 817 festgehalten und so können wir in diesem Jahr ein rundes Jubiläum feiern.

Die zweite Jahreszahl, die zu Bürglen bekannt ist, nämlich 1255, hat ebenfalls mit einem Geschenk zu tun. Graf Rudolf I. von Neuenburg-Nidau schenkte den sogenannten Kirchsatz von Bürglen dem Kloster Gottstatt, das er selber gegründet hatte. Kirchsatz heisst: Das Kloster durfte in der Kirche Bürglen den Priester bestimmen. Bürglen wird dadurch zur Aussenstation des Klosters Gottstatt. Die Nidauer Kirche gehörte gut 100 Jahre (von 1338 bis 1482) zu Bürglen.

Mit der Reformation – in bernischen Landen im Jahre 1528 – werden die Klöster aufgehoben, das Klostergut geht an den Stadt-Staat Bern über, das Kloster Gottstatt wird zu einer Berner Landvogtei umgestaltet. Über Jahrhunderte ist die Kirche Teil des Staates. Die reformierte Kirche ist Staatskirche. Enger könnte die Zusammenarbeit nicht sein. Aus kirchlicher Sicht wäre wohl zu fragen, ob die Kirche ihren Auftrag eigenständig wahrnehmen konnte oder ob sie zum verlängerten Arm des Staates geworden ist. Vielleicht war es ein sowohl als auch.

Der nächste grosse Schritt in der Zusammenarbeit von bernischem Staat und reformierter Kirche erfolgt im Jahr 1804. Der Staat übernimmt die Pfründen der Kirchgemeinden und verpflichtet sich im Gegenzug, die Löhne der Pfarrer zu bezahlen. Dieser Handel kam wohl beiden Seiten entgegen: Napoleon hatte die Berner Staatskasse geplündert – Bern war knapp bei Kasse. Da kamen die Kirchengüter sehr gelegen – und im Gegenzug konnte die Pfarrschaft ihre Löhne sichern. Diese Abmachung gilt bis heute. Der Gedanke der Staatskirche lässt manchmal von Ferne immer noch grüssen.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Staat Bern und den drei bernischen Landeskirchen (nicht nur der reformierten) soll weiterentwickelt werden, so hat es der Grosse Rat beschlossen. Im Herbst dieses Jahres wird der Grosse Rat ein neues Landeskirchengesetz beraten. Kernpunkte des Gesetzesentwurfs: Die Pfarrschaft geht in die Verantwortung der Kirche über. Der Staat unterstützt die Kirchen weiterhin finanziell. Die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche soll auch in Zukunft gepflegt werden.

Der Staat will dafür sorgen, dass die Religionsfreiheit gewährleistet bleibt; will dafür sorgen, dass die demokratischen Regeln in der Kirche eingehalten werden und dass die kirchliche Verwaltung in geordneten Bahnen verläuft. Die Kirchen bieten Gottesdienste an, beteiligen sich am Ringen um den Sinn des Lebens, leisten ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und helfen mit, dass notleidende Menschen unterstützt werden.

Zum Schluss zwei Jahreszahlen und damit zwei Hinweise, zwei Reminiszenzen, die nicht unter das Stichwort «Zusammenarbeit» gepasst haben und doch erwähnt werden müssen:

Im Jahr 1453 ist von der «kilchen unserer frowen» die Rede. Die Kirche Bürglen scheint, so formuliere ich vorsichtig, der Maria gewidmet gewesen zu sein.

Im Zuge der Neuordnung im Kanton Bern nach dem Einfall der Franzosen im Jahre 1798 wurde 1831 eine neue Staatsverfassung in Kraft gesetzt und in den Jahren 1832/33 ein erstes Gemeindegesetz erlassen. In Bern wurden die Einwohnergemeinden geschaffen. Bei dieser Gelegenheit wurde Bürglen zu Aegerten geschlagen. Die Kirchgemeinde und Spitex tragen immer noch und weiterhin den Namen Bürglen.

HANS ULRICH GERMANN


Vision Kirche 21 - Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn