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«Der Sommer war sehr gross.»

Bild: Hansueli Feldmann


Diese Zeile aus dem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke ging mir in den vergangenen Wochen etliche Male durch den Kopf. Es war dieses Jahr ja wahrlich ein grosser Sommer. Mit vielen Sonnenstunden und manchen Hitzetagen. «Befiehl den letzten Früchten voll zu sein. Gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süsse in den schweren Wein», fährt der Dichter fort. Für mich spricht er von der Natur. Und zugleich von uns Menschen.


Bei meiner Arbeit im Seelandheim höre ich so manche Lebensgeschichte.
Immer wieder einmal denke ich: Was für ein Geschenk, wenn jemand dankbar auf sein Leben zurückblicken kann. Und zufrieden ist mit dem, was möglich war oder geglückt ist – trotz allem, was ihm versagt blieb oder nicht gelang. Manche sagen dem Sinn nach: Mein Lebenssommer war gross. Auch wenn in ihrem Leben gewiss nicht jeden Tag die Sonne schien und alle Lebensfrüchte reif wurden.


Beim Zuhören denke ich zuweilen über meine eigene Lebensgeschichte nach. Was werde ich am Ende von meinem Leben erzählen?
Wenn am Ende der Dank stünde an Gott, der mir das Leben gab, mich so manches Mal behütet und bewahrt hat und mir manch Schönes schenkte, einfach so, das wäre schön! Wenn am Ende die Dankbarkeit gross wäre für die Menschen, die mich auf meinem Weg ein Stück begleitet haben, mich unterstützten, mit mir weinten und lachten, für mich da waren und es mit mir ausgehalten haben, das wäre schön!
Dann wäre am Ende des Lebens eine Art «Erntedank».
Dafür müssen nicht alle Lebensfrüchte makellos sein. Die einen sind angefressen, bei anderen hat der Hagel seine Spuren hinterlassen, wieder andere sind erst gar nicht zur Blüte gekommen. Aber schon jetzt gibt es so manches in meinem Leben, das ich am Erntedankfest in den Chorraum legen könnte. Ja, doch, der Sommer war gross, denke ich. Und wünsche mir, dass noch der eine und andere südliche Tag folgen wird.


Dankbarkeit für das Leben, das merke ich beim Zuhören von Lebensgeschichten, hängt nicht nur von dem ab, wieviel in einem Leben gelingt und glückt. Dankbarkeit im Rückblick gibt es auch bei Menschen, die so manches Päckchen zu tragen hatten und haben.
Vielleicht hängt die Dankbarkeit von der Sichtweise und Einstellung ab, denke ich oft. Und meine damit nicht «die Kraft des positiven Denkens». Es gibt Lebensfrüchte, die uns bitter schmecken. Es gibt schwierige Zeiten. Und grosse Sommer.
Ich merke, für mich ist es wichtig, im Leid klagen und weinen, und im Glück danken und jauchzen zu können. Das Schwere nicht verdrängen und das Schöne dankbar geniessen. Das Beten ist mir dabei eine Hilfe. Und das Singen. Es gibt in der Bibel Klagepsalmen und Dankpsalmen, wir haben Lieder für schmerzhafte und beglückende Erfahrungen. Ich bin froh, habe ich einen Lieder- und Psalmenschatz für den Sommer, der dieses Jahr gross war, und für den Herbst und Winter, der vor der Tür steht.


Was hilft Ihnen, dankbar zu sein für Ihr Leben?
Der Erntedankgottesdienst in diesem Monat lädt ein, darüber nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Chorraum wird schön geschmückt sein. Lieder werden erklingen – vom Jodlerklub und von uns allen. Und beim anschliessenden Apéro im Pfarrhaus ist Zeit zum Gespräch.


PFARRERIN BEATE SCHILLER

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Bild: Hansueli Feldmann

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