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Woher kommt unser Essen?

Foto: Hansueli Feldmann

 

Bei der Kulturreise zum Reformationsjubiläum ist mir die Lebensgeschichte der Elisabeth von Thüringen (1207 – 1231) begegnet: Vier Jahre alt war Elisabeth, als sie auf die Wartburg kam. Sie stammte aus Ungarn, war Tochter des ungarischen Königspaars und sollte aus politischen Gründen nach Thüringen verheiratet werden. Auf der Wartburg hatte sie Dienerinnen als Ersatz für die Mutter, und andere Kinder, mit denen sie wie mit Geschwistern aufwuchs – darunter Ludwig, ihr späterer Mann.  Als sie 14 Jahre alt war, fand die Hochzeit statt.

 

Elisabeth und Ludwig waren einander in Liebe zugetan. Es wird erzählt, dass sie sogar bei Tisch nebeneinander sassen, was damals als ungehörig galt. Beide müssen einander sehr verbunden gewesen sein – auch im Ringen um ihren Glauben, um die Gottes- und Nächstenliebe. Es wird berichtet, dass Ludwig seine Frau in ihrer aktiven Nächstenliebe unterstützte und vor Anfeindungen am Hof schützte. Beide waren fasziniert vom Leben des Franz von Assisi. Die Legende erzählt, dass Elisabeth durch ihren Beichtvater darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie am Hof zum grossen Teil von Gütern lebten, die Bauern abliefern mussten. Da erwachte ihr Gewissen. Fortan erkundigte sie sich bei Tisch nach der Herkunft der aufgetragenen Speisen und Getränke und wollte wissen, ob sie aus den rechtmässigen Gütern des Landgrafen stammten oder unter Druck von anderen gefordert worden seien. Kamen die Speisen aus eigenem Besitz, der Wein aber war erpresst, so sagte sie zu ihren Bediensteten: «Heute werdet ihr nur essen können.» Waren dagegen die Speisen erpresst, während der Wein aus eigenen Weinbergen stammte, sagte sie: «Heute werdet ihr nur trinken können.» Erfuhr sie, dass beides rechtmässig erworben worden sei, klatschte sie in die Hände und rief fröhlich: «Wohl uns, heute können wir essen und trinken!» Sagte man ihr, Speisen und Wein seien gleichermassen unfair erworben, dann lehnte sie alles ab, sass hungernd und dürstend an der Tafel.

Elisabeth hat nachgefragt und sie ist nicht stumm geblieben. Sie wollte wissen, wie die Menschen lebten, deren Erzeugnisse sie zu sich nahm. Sie wollte Unrecht aufdecken und verhindern, dass sie durch ihr Mitmachen das ungerechte System unterstützte. Dafür hat sie auf manche köstliche Speise verzichtet, die auf der Wartburg aufgetischt wurde.

 

Woher kommt unser Essen? Welchen Lohn bekommen die Bäuerinnen, die das Gemüse anpflanzen und ernten? Wie leben die Bananenpflücker? Können die Kaffeebäuerinnen leben von ihrer Arbeit? Wie werden die Tiere gehalten, deren Fleisch auf unserem Teller landet? Welche Wege legen die Genussmittel zurück, die uns als Köstlichkeit serviert werden? Was ist der Preis, den andere bezahlen, damit ich günstig einkaufen kann? Was heisst es für eine Bauersfamilie, wenn der Milchpreis im Supermarkt um 5 Rappen gesenkt wird?

 

Ich dachte, das seien Fragen unserer Zeit und staune, dass es vor gut 800 Jahren schon Menschen wie Elisabeth von Thüringen gab, die nachdachten, nachfragten und Konsequenzen aus ihrem Wissen zogen. Ich bemühe mich auch, darauf zu achten, was ich einkaufe, was ich esse und trinke, was ich trage. Das ist schwierig, aufwändig und oft auch teurer. Gerechtigkeit ist und war nicht billig und einfach zu haben.

 

Gerne würde ich mit Ihnen darüber ins Gespräch kommen, hören, was Sie dazu denken, und gemeinsam nach gerechteren Wegen suchen. Vielleicht ist die Zeit des Erntedankfestes, das wir am 13. Oktober feiern, eine Gelegenheit dazu. Jedenfalls lädt dieses Fest im Kirchenjahr ein zum bewussten Nachdenken über Nahrungsmittel, unseren Umgang mit ihnen und mit den Menschen, die sie für uns anbauen und produzieren.

 

Pfarrerin Beate Schiller


Vision Kirche 21 - Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn