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Ostern, ein Fest der Befreiung

Bild: U. von Känel


«In Würde und Glanz hat uns Gott gekrönt», so heisst dieser Zuspruch in Psalm 8, 6. Was heisst das für uns? Und was hat dann das mit Ostern zu tun?

Es ist eine wunderbare Zusage Gottes, die wir für uns aus dem Psalm gewinnen: Dies heisst dann auch: «Ich bin wertvoll und schön». Diese Aussage richtet sich nicht nach einer bestimmten Norm, nach einem bestimmten Idealbild, das schier nicht zu erreichen ist. Nein, so, wie wir sind, sind wir gut und schön, Punkt! Es braucht dazu keine speziell teure Körpercrème mit einem grossen Namen hintendran. Es braucht nicht einen besonderen Leistungsausweis, wo man als der Beste bzw. die Beste öffentlich ausgezeichnet worden ist. So, wie wir sind, sind wir mit Schönheit und Würde gekrönt.

Wichtig ist, dass wir uns selber annehmen, wie wir sind. Das ist nicht immer leicht. Selber läuft man manchmal Gefahr, sich mit denen zu messen, die mehr zu tun vermögen, die grösser, stärker, leistungsfähiger sind. Es braucht dann die Nachsicht, mit sich selbst würdevoll umzugehen.

Das Letztgenannte hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Wir, Mitglieder hochindustrialisierter Länder, werden tendenziell darauf trainiert zu leisten, zu produzieren, und dabei unseren ganzen Mann, unsere ganze Frau zu stellen. Wenn das nicht geschieht, so gelten wir gemäss der industriellen Normvorstellung als minderwertig. Gut ist nach dieser Norm, wer jederzeit leistungsfähig, smart, beweglich, produktionsbegierig ist. Alle anderen drohen an den Rand dieser Art von Gesellschaft zu geraten und werden manchmal als Last abgestempelt.

Der Psalm sagt ganz anderes: «In Würde und Glanz hat uns Gott gekrönt». Wir genügen Gott, so wie wir sind, und dürfen uns selbst auch genügen, so wie wir sind.
Jesus von Nazareth hat uns seine Liebe eindrücklich vorgelebt, der im praktischen Leben auch an diesen Zuspruch von Psalm 8 anknüpft. Die Jünger (und Jüngerinnen), die er zur Nachfolge berufen hat, waren keine Helden im Sinn heutiger Vorstellungen, keine Idealgestalten. Es waren zum Teil etwas raue, schräge Personen. Aber genau diese wollte er ansprechen und mit auf seinen Weg nehmen. Er ermächtigte sie, sich vor allem randständigen Menschen zuzuwenden. Und Jesus ass manchmal mit gemäss obiger Idealnorm komischen «Vögeln». Aber genau diese wollte er in seine Gemeinschaft – und zwar langfristig.

Jesus wollte den damaligen Normen der Macht, der Unterdrückung und Entwürdigung von Menschen und der materiellen Ungerechtigkeit entgegentreten. Den Mächtigen war das ein Dorn im Auge. Jesus wurde am Karfreitag schliesslich wie ein Verbrecher gekreuzigt.

An Ostern ist er auferstanden: Das heisst, seine Liebe konnte nicht vernichtet werden. Seine Kraft, sein Geist der Liebe, lebte weiter und wurde von Menschen weitergetragen und praktiziert. Diese Liebe Jesu gilt auch uns, und kraft dieser dürfen wir uns für Mitmenschen und uns selbst einsetzen. Diese Liebe befreit uns von zu grossem eigenen Leistungsdruck und befreit uns für heilsames Handeln an uns selbst und an Mitmenschen. Sie macht uns auch offen für Menschen, die es in irgendeiner Weise schwer haben, dass wir mit ihnen ein Stück Weg gehen können.
So mögen dieser Psalmvers und Ostern als Befreiung für ein Leben sein, das wir in der Würde, die uns Gott zuspricht, für andere und uns einsetzen und dabei auch Freude erleben.

So wünsche ich Euch allen eine gesegnete Passions- und Osterzeit.

Ueli von Känel, Pfarrer


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