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Wurzeln suchen – ordnen – bremsen

Foto: H.U. Germann

 

In zahlreichen Kulturen ist Fasten ein wichtiges Element des Lebens. So kommt es denn auch in vielfältigen Formen vor oder teilweise sogar in Ritualen. Das Christentum kennt vor allem die 40 Tage der Fastenzeit, die der Vorbereitung auf Ostern dienen. Diese Zeit erinnert an die 40 Tage, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbrachte.

 

In der letzten Zeit haben auch unsere Kirchen das Fasten «entdeckt», allerdings nicht als Gebot, sondern als freiwillige Erfahrung. Das bewusste Verzichten auf etwas Gewohntes soll mehr Raum geben für Stille, Nachdenken, Beten, Meditieren. Es ist ein Kontrapunkt zu unserem Leben in der Fülle. Dazu hat Fasten auch eine heilende Wirkung.

 

Für die Zeit vor Ostern bot die Kirchgemeinde eine begleitete Fastenwoche an.

 

An den Fastentagen verzichteten wir auf feste Nahrung und nahmen nur Gemüsesäfte, Tee und Wasser zu uns. Jeweils um 19 Uhr trafen wir uns zum Austauschen, gemeinsamen «Essen» und zu einer kurzen Meditation. Wir hörten dabei die Geschichte der zwei Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus. Anselm Grün und Peter Müller schreiben in ihrem Buch «Fasten mit Leib und Seele» Begleittexte zur Emmaus-Geschichte und zum Fasten. So wurde für uns die Fastenwoche zu einer körperlichen, aber auch zu einer spirituellen Erfahrung. Körperlich ertrug ich die Tage ohne Essen gut. Hungergefühle kamen nur am ersten Tag auf. Schwieriger war es manchmal, neben einer Bäckerei und dem Duft nach frischem Brot vorbeizugehen. Mir war die körperliche Bewegung wichtig, kürzere Velotouren oder tägliche Spaziergänge. Punkto Energie fühlte ich mich kaum eingeschränkt, vielleicht war ich bei körperlichen Arbeiten etwas langsamer als sonst und brauchte auch mehr Schlaf. Die bedächtigere Lebensweise bot mir unter anderem den Vorteil, ab und zu über das am Abend Gehörte nachzudenken. Was könnte ich versuchen umzusetzen, wo könnte ich etwas ändern?

 

An einem Austausch, ein paar Tage nach der Fastenwoche, konnten wir voneinander hören, welche Erfahrungen wir mit den Fastentagen machten. Hier zusammengefasst drei kurze Berichte:

 

«Mir wurde es ein Bedürfnis, den Ort zu besuchen, wo ich die ersten neun Jahre meines Lebens verbrachte. Wir wohnten zuerst in Winterthur, dann zogen wir ins Emmental. Für mich war es ein eindrückliches Erlebnis, am Ostermontag das kleine Häuschen am Stadtrand zu besuchen, den Kindergarten, den Weiher, den Versuchsgarten meines Vaters, das Schwimmbad und die Schule.»

 

«Ich versuchte in meinem Innern zur Ruhe zu kommen und einiges zu ordnen. Dabei wurde mir klar, dass ich meinen Arbeitsraum à fond aufräumen muss. Mit dieser Arbeit habe ich, in aller Ruhe, begonnen und plane, auch weiterhin Zeit fürs Aufräumen einzusetzen.»

 

«Ich habe versucht, an den Aufbautagen langsamer zu essen, richtig zu kauen und zuerst zu schlucken, bevor ich den nächsten Bissen bereitmache. Dabei wurde mir klar, dass auch für mein Leben das Thema «Entschleunigen» ein Ziel ist. Eigentlich kam mir der Gedanke schon vor einem halben Jahr wegen einer Krankheit, und jetzt ist er wieder aufgetaucht.»

 

Das sind zwar scheinbar kleine, aber reiche Erfahrungen. Sie machen Mut, auch in Zukunft Fastentage einzubauen, zum Beispiel in der nächsten Passionszeit.

 

Hugo Fuchs

 


Vision Kirche 21 - Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn