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«Reichtum verpflichtet – Armut auch»


So lautet das Thema des diesjährigen Kirchensonntages am 3. Februar 2019.

In den letzten Tagen wurde von Caritas Schweiz ein Bericht über materielle Armut veröffentlicht. In Haiti bedeutet Armut, kein Dach über dem Kopf zu haben. In der Schweiz hingegen ist arm, wessen Lohn nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bewältigen.
Mangelnde Kontakte zu anderen, der Ausschluss aus der Gesellschaft und Perspektivenlosigkeit sind Auswirkungen von Armut in der Schweiz. Armut ist hierzulande oft verborgen.
Im Jahr 2016 waren in der Schweiz über eine Million Menschen armutsbetroffen oder armutsgefährdet.


Dieser Bericht macht mich betroffen. Dass es in der durchschnittlich gesehen reichen Schweiz so viel Armut gibt, macht noch betroffener. Hierzulande hätte es m. E. Geldmittel genug, dass alle ein anständiges Auskommen zum Leben haben sollten. Und auch im Blick auf die weltweite Armut ist festzuhalten, dass es Ressourcen genug gäbe, dass alle Menschen genug zu essen hätten.

Aus christlicher Sicht gab es Formen des Zusammenlebens, wo das Teilen einen wichtigen Stellenwert hatte: Apostelgeschichte 2, 44ff: «Alle Gläubiggewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie unter alle, je nach dem einer es nötig hatte». In diesem Bibeltext steht im Zentrum, sich nicht durch materiellen Reichtum binden zu lassen und diesen unter jene zu verteilen, die es nötig hatten. Materieller Reichtum kann einen enorm binden, unfrei machen. Es kann so weit kommen, dass, während der materielle (äussere) Reichtum zunimmt, der innere Reichtum (relative materielle Ungebundenheit) ebenso abnimmt. Ein gewisses Mass an materiellen Gütern ist wichtig. Diese sind nötig zum Überleben. Es haben alle das Recht auf das tägliche Brot im wörtlichen Sinn.
Auch in anderen Religionen wird dem Teilen miteinander ein grosser Stellenwert beigemessen. Bei einem Besuch in einem jüdischen Kibbuz erlebte ich es, dass die Bewohner jener Einrichtung nach dem Grundsatz lebten: «Jeder nimmt, was er braucht; jeder gibt, was er kann». Damit war auch das Teilen von Zeit und Begabungen gemeint. So funktionierte das Leben in den Kibbuzim, solange sie diesem Ideal nachlebten.

Wir sehen, dass Teilen miteinander eine andere Art von Reichtum vermittelt als jenen, den wir materiell messen können. Es ist eine besondere Lebensqualität gemeint. Wenn wir miteinander teilen, bereiten wir den Empfangenden Freude. Wir geben zwar von uns etwas weg, vielleicht mehr als einen «Kaffee-Batzen», aber empfinden dabei Freude, die wir mit anderen teilen können.
Das verschafft uns einen anderen Blick auf den Wert des Lebens: Dieser besteht nicht aus stetiger Vermehrung von Geld und sonst Materiellem, sondern auch aus der Öffnung zum Nächsten, der vielleicht arm ist und fast nichts hat. Mit diesem zu teilen, ist Pflicht und Freude zugleich. Dies möge uns zu einem Leben anspornen, wo wir dann aber nicht nur aus Pflicht, sondern vor allem aus Freude teilen. Dies steigert den inneren Reichtum unserer materiell regierten Gesellschaft. Ich wünsche uns dabei viel frohe Begegnungen!

Ihr seid herzlich zum Gottesdienst am Kirchensonntag, 3. Februar, 10 Uhr im Kirchgemeindehaus Brügg eingeladen.

Ueli von Känel, Pfarrer




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