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Frauenarbeit in der Kirche von 1951 bis 1960

Rolf Handke/pixelio.de


In unserem Archiv bin ich zufälligerweise auf einen alten Jahrzehntbericht gestossen. Er wurde unter dem Titel «Die sieben Leuchter» im Auftrag des Synodalrates von Fritz Leuenberger, alt Pfarrer in Bern verfasst und umfasst die Jahre 1951 bis 1960. Unter dem Kapitel V Kirchliche Arbeiter werden die verschiedenen Berufsbilder umschrieben.

 

Für mich war die Stellung der Frau zur damaligen Zeit besonders lesenswert. Insbesondere die Beschreibung der Pfarrhelferin ist sehr aufschlussreich. Als Pfarrhelferin bezeichnete man im Unterschied zur Gemeindehelferin eine Frau, die ihren theologischen Studiengang gleich ihren männlichen Kollegen an einer Theologischen Fakultät mit Erfolg abgeschlossen hatte. Aber die Kirche hatte vorerst keinen Raum für einen weiblichen Pfarrer. 1954 brachte die neue Kirchenordnung die Möglichkeit, Theologinnen zu ordinieren und in den bernischen Kirchendienst aufzunehmen. Nachdem 1955 zum ersten Mal eine Vikarin im Oberland gewählt wurde, bestimmte 1956 die Synode, dass auch auf dem bernischen Kirchengebiet gewisse Amtshandlungen einer Pfarrhelferin übertragen werden konnten. Doch durfte sie diese Funktion nur in Gemeinden ausüben, in denen bereits vollamtliche Pfarrer wirkten. Auf diese Art konnte sie als Pfarrhelferin gewählt werden.

 

Im Jahr 1957 sah die Kirchenordnung wohl die kirchliche Anerkennung der Pfarrhelferin vor, nicht aber die Aufnahme in den Kirchendienst. Wenn der Pfarrhelferin die gleichen Rechte zugestanden werden sollten wie ihren männlichen Kollegen, hätten sowohl die Kirchenordnung als auch das Kirchengesetz geändert werden müssen. Solange dies nicht geschah, war der Synodalrat gewillt, die Bestimmungen so weit als möglich auszulegen. Und so wurden bis 1960 zwei Theologinnen in ein Hilfspfarramt gewählt. Eine dritte amtete als Pfarrhelferin in einer stadtbernischen Gemeinde, eine vierte wurde von der städtischen Kirchenverwaltung der Kirchgemeinde Bern mit Spezialaufgaben betraut.

Die Stellung der Pfarrfrauen ist auch beachtenswert. Sie standen zwar auf keiner offiziellen Liste kirchlicher Arbeiter oder Amtsträger, aber sie erfüllten in der Kirche dennoch einen wichtigen Posten. Von einer Pfarrfrau wurde sehr viel verlangt. Sie sollte Gattin, Hausfrau, Mutter und dazu noch Gemeindehelferin sein. Sie sollte Sonntagsschule, Mütterabende, Jugendgruppe, Missionskreise, Nähabende, Elternabende, Altersnachmittage und Vorträge halten, sie organisierte Sammlungen für die Mission, die Zustellung des Sämannes und den Weltgebetstag der Frauen. Sie arbeitete mit im Frauenverein, in der Säuglingsfürsorge, im Kirchenchor, an Basaren, in der Heimpflege, im Kindergarten, in der Seelsorge. Sie besorgte die Arbeit einer Sekretärin, die Kartothek, die Kirchenrodel, Büroarbeiten und war in der Unterweisung Stellvertreter des Pfarrers, wenn er im Militärdienst war. Sie vertrat den Organisten, machte Besuche bei Wöchnerinnen und Gemeindemitgliedern, war Hausmutter in Konfirmandenlagern, Gastgeberin, wenn Besucher ins Pfarramt kamen und sie war auch ihre eigene Putzfrau. Es gäbe noch mehr Aufgaben zu erwähnen, die von einer Pfarrfrau erwartet wurden. Es hiess damals: «Sie ist der billigste Staatsbeamte, und weil sie nichts kostet, wird ihre Arbeit auch kaum gewürdigt».

IRÈNE MORET


Vision Kirche 21 - Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn