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Herbst

Bild: Löwenzahn/pixelio.de



Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke


 

 

 

Vielleicht kennen Sie dieses Gedicht von Rilke. Ich kann es immer wieder lesen. Und jedes Mal berührt es mich. Diese Melancholie, ausgelöst durch das fallende Herbstlaub, wenn es zum Bild wird für unsere Vergänglichkeit. Die Einsamkeit der trüben Tage und dieser sanfte, unaufdringliche Trost. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich «unendlich sanft» anfühlt – auf der Grenze zwischen gerade noch und noch nicht. Aber nicht alle Menschen können in diesen dunklen Tagen Trost spüren. Für viele ist der November ein schwerer Monat, eine bleierne Zeit. Es kommt mir ein Mann in den Sinn. Er sagte zu mir: «Ich bin wie eines dieser Blätter, das hier am Boden liegt.» Abgeschnitten von seinen Wurzeln und von allem, was in seinem Leben wichtig war. Dieser Mann war aus seiner Heimat, in der Krieg herrschte, geflüchtet und so in die Schweiz gekommen. Traumatisiert von der Gewalt, die er gesehen und am eigenen Leib erlebt hatte, war er in eine tiefe Depression gefallen. Seither erinnern mich die Blätter am Boden auch daran, wie verloren sich ein Mensch fühlen kann.


Das ist nicht, was man gemeinhin so als Novemberstimmung bezeichnet. Und doch sind vielen Menschen diese spätherbstlichen Tage auf der Schwelle zum Winter schwer.


Es ist nicht zufällig, dass die Bäume und die Natur im Ganzen uns vieles spiegelt, was auch in unserer Seele schwingt. Ist es nicht eigentlich angemessen, dass uns dieses herbstliche Abschiednehmen, dieses Weichen fast aller Farben und das abnehmende Licht beunruhigen kann? Gewiss, der nächste Frühling kommt bestimmt. Aber doch ist die Vergänglichkeit in diesen Wochen so präsent und in vielem sichtbar, dass einen Melancholie, Wehmut und Trauer überkommen kann wie ein undefiniertes Heimweh. Und die Frage, was hält mich in all dem? Kann ich das Ewige in meinem Leben spüren?

Am letzten Sonntag im November ist Ewigkeitssonntag, oder Totensonntag, wie man ihm auch sagt. Wir erinnern uns im Gottesdienst der Verstorbenen des vergangenen Jahres und sprechen ihre Namen noch einmal ganz bewusst aus und zünden eine Kerze an. Wir wollen uns verbunden fühlen in der Trauer um einen lieben Menschen, aber auch im Wissen um unsere eigene Vergänglichkeit.


Es ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Mit dem ersten Advent fängt dann ein neues an. Und wir dürfen wieder hören von der Menschwerdung Gottes und vom Licht, das die Dunkelheit bricht.

Ich selber verabschiede mich mit diesem Beitrag aus der Kirchgemeinde und dem Seelandheim. Ich wurde gefragt, ob ich zu meinem Regionalpfarramt im Seeland einen Teil des Regionalpfarramts Oberland übernehmen würde und habe mich entschlossen, zuzusagen. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich nach so kurzer Zeit schon wieder weiterziehe und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.


ESTHER SCHWEIZER, PFARRERIN IM SEELANDHEIM WORBEN


Vision Kirche 21 - Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn