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Gesprächsgruppe

Pfarrerin Beate Schiller – Gruppe für Angehörige
von pflegebedürftigen Menschen

 

«Im Vordergrund steht der Erfahrungsaustausch der Betroffenen»

Unter diesem Titel konnten Sie im letzten Geschäftsbericht der SPITEX Bürglen einen Artikel von Katharina Maibach lesen. Sie führte im Auftrag der SPITEX Bürglen ein Gespräch mit mir, da ich im September mit einer Austauschgruppe für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen beginnen möchte.
Ich habe mich sehr gefreut über das Angebot der Spitex Bürglen, auf dieses neue Angebot in unserer Kirchgemeinde aufmerksam zu machen. Eine so gute Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich. Vielen Dank!
Mit dem Einverständnis der Spitex und Katharina Maibach drucken wir diesen Bericht nun auch im «reformiert.» ab.
Vielleicht fühlen Sie sich angesprochen, weil Sie selbst einen Partner, eine Partnerin, einen Elternteil, eine Tochter oder einen Sohn haben, der oder die auf Pflege / Betreuung angewiesen ist. Oder vielleicht wissen Sie jemanden aus dem Bekanntenkreis oder der Nachbarschaft, für den oder die es gut und hilfreich sein könnte, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die ebenfalls pflegebedürftige Angehörige  haben - sei es zu Hause oder im Heim. Dann geben Sie den Artikel oder meine Telefonnummer doch einfach weiter. Danke!
Die «Gruppe für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen» startet am 14. September (Ort, Uhrzeit und weitere Daten finden Sie am Ende des Berichtes).
Pfarrerin B. Schiller

 

mai. Beate Schiller ist Pfarrerin der Kirchgemeinde Bürglen. Sie betreut den Pfarrkreis Aegerten und das Seelandheim Worben. «Durch meine Arbeit lerne ich immer wieder Menschen kennen, die auf Unterstützung und Pflege angewiesen sind. Und ich treffe Menschen, die ihren Partnerinnen, Partnern oder Familienangehörigen ein Umfeld und die nötige Unterstützung geben, so dass diese zu Hause leben können – bis es nicht mehr geht. Und dann, wenn ein Heimeintritt unumgänglich wird, besuchen die Angehörigen ihre pflegebedürftigen Partnerinnen, Partner und Verwandten häufig in ihrer neuen Umgebung und unterstützen sie weiter auf diese Weise.»

 

Offene Gesprächsgruppe
«Ich finde es wichtig, für Angehörige von Pflegebedürftigen etwas zu machen, weil viele von ihnen irgendwann an ihre Grenzen kommen», sagt Beate Schiller. Sie möchte deshalb nach den Sommerferien eine Austauschgruppe ins Leben rufen: Bestimmt für Menschen, deren pflegebedürftigen Angehörigen Zuhause oder im Heim leben. «Die Idee einer Gesprächsgruppe ist im Zusammenhang mit dem Veranstaltungszyklus im vergangenen Herbst entstanden.» Zur Erinnerung: Die SPITEX Bürglen und die Kirchgemeinde Bürglen organisierten gemeinsam drei Abende zum Thema «Pflegende Angehörige».

 

Kontakte knüpfen und Kräfte tanken
«Im Vordergrund steht für mich der Erfahrungsaustausch der Betroffenen. Kontakte mit Leuten in einer ähnlichen Situation können so geknüpft werden.» Wichtig sei, dass Angehörige von Pflegebedürftigen auch mal ihren eigenen vier Wänden entfliehen könnten. «Etwas für sich machen und Kräfte auftanken, die bei der Pflege aufgebraucht werden.»  Beate Schiller wird die Selbsthilfegruppe leiten. «Es ist aber die Gruppe, die das Thema bestimmt», betont Beate Schiller. «In der Regel werden auch sehr persönliche Sachen ausgetauscht, die sehr viel auslösen können», so Beate Schiller, die bereits Erfahrungen mit einer Austauschgruppe für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen während einem Studienurlaub sammeln konnte. «Das Besprochene bleibt in der Gruppe», versichert Beate Schiller. «Es soll eine Plattform werden, wo man sich auch gegenseitig darauf aufmerksam macht, wo man Hilfe holen kann.» Beate Schiller: «Es kostet nichts. Es besteht die Möglichkeit, während des Treffens einen Betreuungsdienst der SPITEX Bürglen in Anspruch zu nehmen.»

 

Einmal pro Monat
«Ich stelle mir vor, dass sich die Gruppe einmal pro Monat an einem Mittwochnachmittag trifft», so Beate Schiller. «Die Gesprächsgruppe ist offen – es muss sich niemand verpflichten, zu allen Treffen zu kommen. Wenn sich eine Regelmässigkeit ergibt, ist das schön und das wirkt sich sicher positiv auf die Gruppe aus.»

 

Ort: Pfarramtsbüro Seelandheim Worben,
«Sunnehus» (Glaslift am Teich), 3. Stock
Zeit: Jeweils von 15.30 Uhr bis 17 Uhr
Daten: 14.9. / 12.10. / 16.11. / 14.12. / 11.1. / 15.2. /


Fühlen Sie sich angesprochen?
Wenn Sie Interesse haben, in der Gesprächsgruppe für Angehörige von pflegebedürftigen Menschen mitzumachen, dann nehmen Sie bitte mit Pfarrerin Beate Schiller Kontakt auf. Telefonisch unter 032 373 36 70
oder per Mail: aegerten(at)buerglen-be.ch

 

KATHARINA MAIBACH

 


 

Bis es nicht mehr geht?

Beate Schiller, Pfarrerin, schreibt dazu:
Durch meine Arbeit in der Kirchgemeinde und im Seelandheim lerne ich immer wieder Menschen kennen, die auf Unterstützung und Pflege angewiesen sind, und Menschen, die ihren erkrankten Partnern/Partnerinnen oder Familienangehörigen ein Umfeld und die nötige Unterstützung geben, so dass sie zu Hause leben können – bis es nicht mehr geht.


«Wenn es meine Frau zu sehr belastet, wird es auch eine Belastung für mich. Dann baucht es eine andere Lösung; eine mit der beide einverstanden sind»,


sagte ein Mann in einem der Gespräche, die ich mit zwei Paaren und einer Tochter geführt habe. Intensiv und persönlich waren diese Gespräche. Einiges davon darf ich hier weitergeben – ein wenig verfremdet, so dass nicht offensichtlich ist, wer hier so offen und ehrlich erzählt hat. Ich danke ganz herzlich für diese wertvollen und berührenden Begegnungen!

Zu Hause. Solange es geht.
Frau XY, Ihr Mann ist seit einiger Zeit auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Dadurch hat sich viel verändert in Ihrem Leben. Was waren und sind für Sie die wesentlichsten Veränderungen?
Wir können nicht mehr planen, weil sich die Situation immer wieder verändern kann. Gemeinsame Unternehmungen sind selten geworden. Was früher eine Kleinigkeit war, ist nun manchmal wie ein Berg. Zuerst war die Erkrankung meines Mannes für mich wie eine Sackgasse. Dann habe ich gelernt, auch das ist ein Weg. Ich habe gemerkt, wir schaffen es, mit neuen Situationen klar zu kommen. Das ist etwas Positives und Schönes für mich.
Waren und sind gemeinsame Gespräche über diese Veränderungen möglich?
Ja, oft. Unser gemeinsames Leben hat dadurch an Tiefe gewonnen.
Hat sich der Familienzusammenhalt, haben sich Freundschaften verändert seit der Erkrankung?
Unsere Kinder haben wir in Gespräche mit den Ärzten wo nötig einbezogen. Das war sehr wertvoll. Der Kontakt ist enger geworden. Mit ihnen machen wir auch immer wieder eine Art «Standortbestimmung» und beziehen sie in anstehende Entscheidungen mit ein. Treue alte Freundschaften gehen weiter.
Der Ehemann kommt hinzu. Wir sprechen zu dritt weiter.
Herr XY: Gespräche im Freundeskreis laufen nun über meine Frau. Durch meine eingeschränkte Sprachfähigkeit habe ich oft Hemmungen, mich anderen zuzumuten. Ich habe Angst, nicht mehr akzeptiert zu werden. Ich weiss ja, dass mein Gedächtnis nicht mehr so gut ist. Ich weiss weniger, und kaum noch Neues. Dadurch rückt man etwas zurück. Es besteht die Gefahr, sich abzusondern.
Frau XY, Sie sind durch die Erkrankung ihres Mannes recht eingespannt. Wie finden sie Entspannung? Wie Entlastung und Zeit für sich und das, was Ihnen gut tut?
Ich merke immer mehr, es liegt an mir, dafür zu sorgen. Ich muss mir lieb sein und mir ab und zu einen schönen Tag machen. Das ist nicht einfach, wenn mein Mann dann alleine zu Hause ist. Mir Freiräume nehmen, das ist ein Lernprozess. Konzerte tun mir gut – ich tauche wie in eine andere Welt ein; die Grosskinder sind sehr wichtig; Freundinnen auch.
Sind Sie schon einmal an Ihre Grenzen gestossen, seit Ihr Mann auf Unterstützung angewiesen ist?
Als mein Mann schwer krank im Spital lag, musste ich viele Entscheidungen selber treffen. Das war schwer. Ich musste auf Menschen vertrauen, die mich beraten haben. Und auf unsere Kinder. Wichtig in dieser Zeit war für mich auch der Seelsorger im Spital und ein Pfarrer aus der Kirchgemeinde, der immer wieder einmal nachfragte. Gespräche mit Ärzten und Pflegenden waren für mich oft sehr wertvoll.
Und Sie, Herr XY, stossen Sie ab und zu an Ihre Grenzen in Ihrem Angewiesensein auf Unterstützung und Pflege?
Es ist immer wieder ein grosser Wille nötig. Neues wird zu einer nervlichen Belastung. Und die Frage, die sich mir oft stellt, ist: Wie weiter?
Frau XY: Mein Mann ist sehr tapfer und geduldig; nie höre ich ihn klagen. Aber wenn etwas Neues dazukommt, spüre ich seine tiefe Betroffenheit.
Wie haben Sie es gelernt, ein Ja zu Ihrer Situation zu finden?
Herr XY: Am Anfang hatte ich weniger Probleme damit als heute, da noch manches dazu gekommen ist. Das Sprechen ist schwieriger geworden. Das Gedächtnis weniger. Das ist nicht einfach. Heute sah ich ein Gruppe Velofahrer – ich war mit dem Rollator unterwegs. Da dachte ich: Velofahren werde ich nie mehr. Dann frage ich schon «Warum»? Der Glaube ist eine Kraftquelle.
Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?
Frau XY: Ich wünsche mir, dass wir diese neue Situation immer besser akzeptieren können – einander Stütze sein können und uns gemeinsam an den guten und schönen Momenten freuen können.
Herr XY: Ich möchte meine Frau nicht zu sehr belasten. Wenn es meine Frau zu sehr belastet, wird es auch eine Belastung für mich. Dann baucht es eine andere Lösung; eine mit der beide einverstanden sind.
Was würden Sie Menschen raten, die in eine ähnliche Situation kommen?
Herr XY: Hilfe suchen und Unterstützung annehmen. Ein Wochenprogramm ist auch hilfreich – zum Beispiel einmal pro Woche allein sein, ich denke, das tut beiden gut.
Frau XY: Ein einladendes Haus, eine offene Wohnung behalten. Freiheiten geben und nehmen. Ich habe manchmal den Eindruck: Ohne mich geht es nicht. Aber es kann immer etwas passieren – auch wenn ich da bin.

 

Im Heim. Seit es zu Hause nicht mehr ging.
Herr YZ, Ihre Frau ist seit etwa zwei Jahren im Heim. Darf ich Sie bitten, etwas von der Zeit zu erzählen, als sie noch beide zu Hause lebten und Ihre Frau mehr und mehr auf Pflege und Unterstützung angewiesen war?
Herr YZ: Ich habe gekocht. Die Wäsche hat unsere Tochter gemacht. Morgens und abends kamen Frauen vom Spitex. Nicht immer zur selben Zeit und immer wieder jemand anderes. Das war nicht so einfach. Irgendwann hat meine Frau die Spitexschwestern nicht mehr akzeptiert. Sie war dann zwei Wochen im Spital. Ich konnte nachts nicht mehr gut schlafen. Ich bin selber schon älter. Und ich wusste, zu Hause wird es nicht mehr gehen.
Konnten Sie mit Ihrer Frau darüber reden?
Herr YZ: Früher, als ihre Schwiegereltern alt und pflegebedürftig geworden waren, sagte sie immer wieder einmal: Wenn es mit mir einmal so weit ist, gehe ich ins Heim.
Nun lebt ihre Frau im Heim. Wie geht es Ihnen damit?
Herr YZ: Ich bin froh, haben wir früher viel miteinander gemacht und unternommen. Fahrten und Ferien. Aber ab und zu frage ich mich auch: Warum? Wir hatten es doch immer gut miteinander. Andere scheiden und trennen sich, wir wollten das nie. Und nun sind wir doch getrennt - sie hier, ich zu Hause.
Herr YZ, Sie kommen viel zu Besuch.
Herr YZ: Ich habe ja Zeit. Die Schwestern sagen, es tut ihr gut, wenn ich oft komme. Und solange ich noch Autofahren kann. Sie hat es verdient. Sie war eine gute Frau. Und viel gearbeitet hat sie auch.
Ich hoffe, Sie tragen auch Sorge zu sich und Ihrer Gesundheit.
Herr YZ: Hier im Heim treffe ich Bekannte und kann mit diesem oder jenem sprechen. Ich gehe viel raus mit meiner Frau. Das tut uns beiden gut. Nur wenn zu viele Leute um sie herum sind, wird sie nervös.
Für Sie war der Heimeintritt Ihrer Frau nicht leicht, haben Sie mir erzählt.
Herr YZ: Nein. Aber es war eine Erleichterung, auch wenn es weh tut. Und meiner Frau geht es gut hier. Wenn mir etwas nicht gefällt im Heim, dann sage ich es.
Tochter: Leicht war es nicht. Aber meine Mutter wusste, ich tue viel für sie, aber pflegen kann ich sie nicht.