Bereitschaftsnummer für Seelsorge und Trauerfeiern
vom 1. bis 7. Juni
2020:

Pfr. Ueli von Känel, Tel. 032 384 30 26.

Wir sind gerne für Sie da.



Die verlorene Normalität

Unbenanntes Dokument Unbenanntes Dokument

 

Wer in Zeiten schnell wechselnder Ereignisse einen Zeitungsartikel lange im Voraus schreibt, riskiert mit seinen Aussagen zum Thema am Erscheinungsdatum falsch zu liegen. Ich nehme dieses Risiko mal auf mich.

Dass die Globalisierung auf allen Ebenen funktioniert,

haben wir in den letzten Monaten auf schmerzliche Art und Weise erfahren. Nicht nur Waren und Dienstleistungen legen lange Strecken in kurzer Zeit zurück, sondern eben auch unsichtbare Krankheitserreger. Die Folgen dieser Pandemie sind so dramatisch, wie man sich die biblischen Plagen zu Zeiten Mose vorstellt, unter denen Ägypten zu leiden hatte. Schon damals gab es eine Globalisierung kleineren Ausmasses: die Gebiete des Nahen Ostens waren alle miteinander verbunden und zu Zeiten Jesu Christi, während des römischen Reiches, wurde die Welt noch einmal grösser. Man lese nur in den Pfingstberichten von der Vielfalt der Völker, die damals in Jerusalem zusammenkamen. Dank dieser antiken Globalisierung kam der christliche Glaube relativ schnell zu uns nach Europa.

Für eine Weile stand die halbe Welt still

Noch im Januar hätte als verrückt gegolten, wer eine Prophezeiung des Lockdowns geäussert hätte. Einen Monat später hat die Angst spürbar um sich gegriffen, auf fast irrationale Weise. Im Kopf war der Mensch nur noch auf Überlebensmodus eingestellt. Die oft verschmähte Normalität war mit einem Schlag weg und wird seither vermisst. Uns wurde bewusst, welche vielen kleinen Alltagsrituale und wertvollen Kontakte unser Leben lebenswert machen. Plötzlich stehen wir auch im Glaubensleben ziemlich auf uns selbst gestellt da. Natürlich bekommen wir Unterstützung und Inspiration von aussen, aber das gemeinsame Feiern und der lebendige Austausch fehlen. Ein Telefon- oder Videokontakt ist sehr wohltuend, aber es ersetzt nicht die lebendige Kraft des persönlichen Austausches, wo wir das Gegenüber mit allen Sinnen spüren. Social Distancing ist in diesen Zeiten unabdingbar, aber eigentlich gegen unsere menschliche Natur.

Es gibt viele Prophezeiungen über gesellschaftliche Veränderungen zu lesen,
aber so bahnbrechend neu finde ich das gar nicht. Ich hatte schon vor 15 Jahren über Skype aus Indien den Kontakt mit der Schweiz gehalten, und mit dem Kärtchen oder kontaktlos kann man schon lange an der Kasse bezahlen. Ob das Homeoffice für viele Arbeitnehmende in engen Wohnverhältnissen und vielen Familienverpflichtungen ein Geniestreich ist, lasse ich mal offen. Das wirklich Neue für mich war diese plötzliche und wohltuende Stille auf der Welt. Spürbar und fühlbar war dieses Herunterfahren wahrzunehmen. Der ganze Konsumrausch, mit Ausnahme der Angst, kein WC-Papier zu ergattern, war wie abgestellt. Nur lag über allem wie eine Glocke die Sorgen um die Gesundheit und das finanzielle Überleben. Nach einer längeren Zeit des Stillehaltens kommt der Lagerkoller auf und wir werden ungeduldig. Familie und Freunde nicht einfach spontan umarmen zu können, tut weh. Es tut daher gut, wenn die Einschränkungen im sicheren Rahmen schrittweise gelockert werden können.

So freuen wir uns auf das wiederauferstehende kirchliche Leben und das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten. Ach, ist die Normalität doch schön!


Kaspar Schweizer