Die tief vergrabenen Talente

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In den Abschiedsreden gebraucht Jesus ein denkwürdiges Gleichnis vom anvertrauten Geld (Mt 25,14-30), um über den Umgang mit seinem spirituellen Nachlass zu sprechen. Es geht ihm dabei um die Einstellung, die Mentalität aller ihm nachfolgenden Christinnen und Christen.
Jesus sagt: «Es ist wie bei einem Mann, der vorhatte, in ein anderes Land zu reisen. Er rief seine Diener zu sich und vertraute ihnen sein Vermögen an. Einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei und wieder einem anderen eines – jedem seinen Fähigkeiten entsprechend. Dann reiste er ab. Der Diener, der fünf Talente bekommen hatte, begann sofort, mit dem Geld zu arbeiten, und gewann fünf weitere dazu. Ebenso gewann der, der zwei Talente bekommen hatte, zwei weitere dazu. Der aber, der nur ein Talent bekommen hatte, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.»
Wir kennen die Geschichte: Die beiden Diener, die etwas aus den anvertrauten Talenten gemacht hatten, wurden belohnt.

Misstrauenskultur und Angstmentalität

Der dritte Diener wurde in den Augen von Jesus als ein Vertreter der Misstrauenskultur und Angstmentalität angesehen, der am Schluss alles verlor. Ohne einen gewissen Wagemut, Freiheiten und Selbstbestimmung lässt sich der Glauben nicht vermehren. Durch Misstrauen, Kontrollzwang und Mittelkürzungen werden Menschen entmutigt, entmündigt und ihrer Verantwortung beraubt, Gutes zum Wohle der Gemeinschaft auf die Beine zu stellen.
Eine breite englische Studie über Sozialarbeit zeigt ein klares Bild: Durch starre Regeln, Listen und unnötiger Administration nimmt man den Sozialarbeitenden ihre ganze Kompetenz weg. Dabei ist gerade die soziale Arbeit sehr abhängig von den jeweiligen Umständen und man kann nicht einfach nach Schema X vorgehen. Nach solchen Regeln werden in Grossbritannien jährlich 80'000 Kinder aus Familien gerissen mit grossen Folgen für alle Beteiligten. Das muss nicht sein.

Es gibt kein Nullrisiko
Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell, weil ihre Bürger viele gute Tugenden besitzen: Sie sind arbeitsam, haben einen gesunden Menschenverstand, legen Wert auf eine gute Ausbildung und gehen sorgsam mit dem Geld um. Nur leidet unsere Volksseele an einer grossen Störung: unsere Aversion gegen Risiken. Wer wagt gewinnt, gilt eher im Ausland als hier. Wir Schweizer versuchen nach einer gewissen Zeit jeweils reflexartig alle Risiken auszumerzen. Dass uns das zum Stillstand oder sogar Rückschritt führt, blenden wir aus.
Unsere Pensionskassen haben so starre Anlageregeln, dass wir aus lauter Vorsicht jedes Jahr auf Milliarden von Vorsorgeerträgen verzichten. Der norwegische Staatsfonds legt ca. 70% seines Vermögens in Aktien an. Norwegen wird deshalb noch sehr lange ein reiches Land bleiben, auch wenn der letzte Tropfen Öl bereits verbrannt ist. Unsere Vollkasko-Mentalität ist damit überfordert. Die Schweiz bringt zwar viele junge Start-up-Firmen hervor, aber die bewegen sich sooo vorsichtig, dass wir nicht davon ausgehen können, eine neue Nestlé oder Roche hervorzubringen.

Der Blick in den Spiegel

Jesus spricht von seinem spirituellen Vermächtnis, für dessen Bewahrung sich die Kirchen in aller Welt berufen fühlen. Das Gleichnis ist also an unsere Kirche adressiert. Der dritte Diener ist Jesus ein Dorn im Auge. Jesus ist selbst viele Risiken eingegangen.
Leider macht sich die Misstrauenskultur und Angstmentalität auch in unserer reformierten Kirche immer breiter: Wir müssen sehr aufpassen, dass wir gute Leute nicht durch Einschränkungen, Herabsetzung und Machtspiele verlieren und am Ende das Talent nur noch auf Nummer sicher vergraben wird. Was mit dem dritten Diener geschah, ist bekannt.

Kaspar Schweizer