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Was bleibt, wenn der Sommer geht?

Es geschieht nicht an einem bestimmten Tag. Eines Morgens merkt man einfach: Der Sommer ist auf dem Rückzug. Die Luft ist kühler geworden. Das Licht fällt anders. Vielleicht liegt morgens schon ein feiner Nebel über den Feldern. Die ersten Blätter zeigen einen Hauch von Gelb. Am Abend greift man wieder zu einer Jacke, obwohl sie vor ein paar Wochen noch ganz hinten im Schrank lag.

Der Sommer verabschiedet sich leise.

Vielleicht mögen wir ihn gerade deshalb so. Weil er uns Licht schenkt, lange Abende, Ferien, Begegnungen und das Leben ein wenig leichter erscheinen lässt. Und doch wissen wir: Er lässt sich nicht festhalten. So sehr wir es manchmal auch möchten.

Ist das nicht oft auch im Leben so?

Es gibt Zeiten, in denen alles seinen vertrauten Gang geht. Und dann verändert sich etwas. Kinder werden gross und gehen ihre eigenen Wege. Aus einem Beruf wird der Ruhestand. Eine neue Aufgabe beginnt. Menschen ziehen weg. Andere kommen neu in unser Leben. Manchmal verändert eine Diagnose den Alltag. Manchmal genügt schon ein Gespräch, und plötzlich sieht die Welt anders aus.

Nicht jede Veränderung suchen wir uns aus. Manche empfangen wir mit Freude. Andere hätten wir lieber nie erlebt. Und doch gehören sie alle zum Leben.

Der Prediger Kohelet bringt diese Erfahrung mit erstaunlich wenigen Worten auf den Punkt: «Alles hat seine Zeit.» (Kohelet 3,1)

Ich mag diesen Satz. Nicht, weil er alle Fragen beantwortet. Sondern weil er das Leben ernst nimmt. Kohelet tut nicht so, als wäre immer alles gut. Er kennt Freude und Trauer, Gelingen und Scheitern, Lachen und Weinen. Er weiss: Das Leben besteht nicht nur aus Sommertagen.

Gerade deshalb spricht er vielen Menschen bis heute aus dem Herzen.

Vielleicht liegt seine Weisheit darin, dass er uns nicht auffordert, an der Vergangenheit festzuhalten oder uns vor der Zukunft zu fürchten. Er lädt uns vielmehr ein, den Augenblick bewusst zu leben. Dankbar für das, was uns geschenkt ist. Geduldig mit dem, was gerade schwer ist. Hoffend auf das, was noch wachsen darf.

Denn hinter allen Veränderungen steht einer, der sich nicht verändert: Gott.

Die Bibel verspricht uns kein Leben ohne Abschiede. Sie verspricht auch nicht, dass jeder Weg leicht wird. Aber sie erzählt von einem Gott, der mitgeht. Durch helle und dunkle Tage. Durch Zeiten, in denen wir voller Zuversicht sind, genauso wie durch solche, in denen wir nur den nächsten Schritt sehen.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir Veränderungen überhaupt wagen können: Weil wir darauf vertrauen dürfen, dass Gottes Treue nicht von den Jahreszeiten abhängt. Sie bleibt. Heute. Morgen. Und auch dann, wenn unser Leben gerade eine neue Richtung einschlägt.

Gerade deshalb passt der Eidgenössische Bettag so gut in den September. Mitten im Wechsel der Jahreszeiten lädt er uns ein, einen Moment still zu werden. Nicht um auf alle Fragen eine Antwort zu finden. Sondern um wahrzunehmen, was uns geschenkt wurde, was wir loslassen müssen und worauf wir hoffen dürfen.

Vielleicht brauchen wir solche Momente des Innehaltens heute mehr denn je. Einen Augenblick, in dem wir nicht funktionieren müssen. Nicht planen. Nicht organisieren. Sondern einfach da sind – vor Gott. Mit unserer Dankbarkeit. Mit unseren Fragen. Mit dem, was wir nicht ändern können, und mit dem, was wir voller Hoffnung erwarten.

Der Sommer geht. Das ist sein Wesen. Der Herbst kommt. Das ist sein Versprechen. Und Gottes Treue bleibt. Vielleicht ist das die schönste Gewissheit, die wir mit in diesen neuen Abschnitt des Jahres nehmen können.

Pfarrerin Ari Yasmin Lee